Verzeihen

Aktualisiert: Aug 9



Das Thema Verzeihen und Vergebung betrifft uns alle. Egal ob wir einem Gegenüber verzeihen oder uns selbst verzeihen sollten. Aber warum überhaupt sollten? Man kann doch auch ein Leben lang auf jemanden wütend sein, ihn sogar hassen. Oder etwa nicht? Das ist doch mein Recht. Falls dir dieser Gedanke gerade durch den Kopf geschossen ist – natürlich kann man das. Aber dann hast du vielleicht noch nicht verstanden, dass man um seiner selbst willen einem anderen verzeiht und auch aus dem gleichen Grund sich selbst verzeihen sollte.

Vom urteilen über andere und richten über sich selbst

Wir alle haben wohl jemanden dem wir verzeihen sollten. Manchmal ist dieser „Jemand“ sogar man selbst. Dann fällt es uns besonders schwer, denn oft urteilen wir über unseren eigenen Fehler am härtesten. Ein anderer Mensch dem wir verzeihen sollten (möchten), stellen wir vor ein ordentliches, moralisches Gericht. Es gibt einen Staatsanwalt der eine gewisse Strafe einfordert. Es gibt aber auch einen Anwalt der „ihn/sie“ verteidigt und ein gutes Wort für die Person einlegt die uns verletzt hat. Ihre Unfähigkeit, ihre Vergangenheit, ihre eigene schwierige Lebenssituation usw. darstellt und darauf hofft das der Richter - also wir - ein vergebendes, mildes Urteil spricht. Das alles spielt sich in unserem Kopf ab, wenn wir das für und wieder abwägen, ob wir der Person verzeihen sollten. Wenn wir uns selbst verzeihen sollten, dann gibt es meist nur den Richter und den Staatsanwalt der unser gänzliches Fehlverhalten gnadenlos aufdeckt. Von einem Anwalt fehlt jede Spur. Das Urteil fällt hart und ohne die geringste Spur von Verständnis aus und wir entfernen uns im Geiste von der Möglichkeit der Heilung und des Loslassens.

Die schwere der Verletzung oder der eigenen vergangenen Handlung

Die Schwere der Verletzung oder unsere eigene vergangene Handlung benutzen wir oft als Rechtfertigung um erst gar nicht mit der „Arbeit des Verzeihens“ anzufangen.

Betrachten wir unseren emotionalen Zustand wie ein Schiff, das leck geschlagen hat. Das Wasser das in den Rumpf eintritt, sind die belastenden Gefühle, die in uns auftauchen, wenn wir an die vergangene Situation denken. Da wir aber diese Verletzung/Handlung als besonders schwer empfinden, lassen wir das Wasser immer mehr in den Rumpf eindringen, bis wir auf den Grund sinken. Es geht also beim Verzeihen immer um uns und darum unser Leben ohne diese unheilsamen Emotionen leben zu können. Je stärker aber die Handlung der Person oder von unserem Selbstbild abweicht, desto so schwerer gelingt es uns zu verzeihen.

Wir neigen dazu aus Menschen Bilder unserer Vorstellung zu machen, ohne dabei ihre Schwächen und Fehlern anzuerkennen und auch diese liebevoll anzunehmen. Die Person oder auch der Anspruch an uns selbst, entstehen aus unserem Verlagen und unserer eigenen Erwartung, die gepaart sind mit unseren Vorstellungen von Moral, unserer Ethik usw. Man stellt sich hier z. Bsp. die fürsorgliche Ehefrau vor, die ihrem Verlangen nachgeht und einen wilden One-Night-Stand hat. In ihrer eigenen Vorstellung über sich selbst ist sie als Mutter und Ehefrau, liebevoll, verantwortungsbewusst. fürsorglich usw. Sich als leidenschaftliche Geliebte hinzugeben entspricht nicht ihrem Selbstbild und löst in ihr einen schweren inneren Konflikt aus. Wie oben erwähnt – hier gibt es keinen Anwalt. Wenn ihr diese eine Nacht sogar gefallen hat, wird der innere Konflikt sich noch verstärken. Hält sie aus lauter Schuldgefühl mit ihrem Mann eine Aussprache, nimmt dabei dessen Verletzung war, wird sie sich höchstwahrscheinlich als ganz und gar schlechten Menschen empfinden. Wenn du dich beim lesen hier einmal in ihre Lage versetzt, dann kannst du vielleicht spüren, wie das Wasser immer mehr in den Rumpf eindringt.

Verzeihen durch Mitgefühl. Für andere und für sich selbst


Als meine Frau und ich vor einigen Jahren unsere Zeit in China verbrachten, hatten wir die Gelegenheit regelmäßig eine buddhistische Wohngemeinschaft zu besuchen. Eine Nonne fiel mir dabei besonders auf. Sie war sehr freundlich und ihr Lächeln war so einnehmend, dass mir das Herz aufblühte. Ich erzählte meiner Frau über meine Empfindung und wie sehr ich mich darüber freute dieser Nonne zu begegnen. Da erzählte mir meine Frau ihre Geschichte.

Die Nonne war über viele Jahre in Gefangenschaft gewesen. Tagtäglich war sie den Misshandlungen und der Folter der Wärter ausgesetzt, die versuchten sie in ihrem Glauben zu brechen. Das Bild konnte ich in meinem Kopf, mit dieser Nonne nicht vereinbaren. Sie erschien mir doch als der glücklichste Mensch der mir je begegnet war. Ich fragte also meine Frau, wie es denn möglich sei, dass die Nonne dies nicht nur überlebt hatte, sondern mir so gänzlich unbeschadet erschien. Durch Mitgefühl.

Eine der ältesten Formen der buddhistischen Meditation ist die „Metta-Meditation“ - die Meditation des Mitgefühls für alle fühlenden Wesen. Auch für sich selbst. Der Begriff „Metta“ stammt aus der mittelindischen Sprache Pali und bedeutet „Freundschaft“, „Allgüte“ oder auch „Freundlichkeit“. Es steht im Buddhismus aber auch gleichwohl für das buddhistische Verständnis von Liebe.

Anderen und sich selbst verzeihen mit der „Metta-Meditation“



Wir begeben uns also auf den Weg anderen und/oder uns selbst zu verzeihen mit der Meta-Meditation. Du kannst dich dazu in den Lotus-Sitz begeben, oder dich auch einfach nur hinsetzen. Mit halb- oder geschlossen Augenlidern fällt es uns oft etwas leichter bei uns selbst und verbunden mit unseren Emotionen zu sein.

Wir nehmen nun alle aufsteigenden unheilsamen Gefühle wie Zorn, Wut, Ekel, Hass und Trauer* war, bemühen uns aber diese nicht festzuhalten. Vielmehr betrachten wir sie wie die Wellen in einem Ozean, die aufsteigen und wieder sinken. Wir lösen uns von der Vorstellung uns selbst oder andere nur zu lieben, wenn wir oder sie nur unserer Vorstellung entsprechen.

Hören dabei auf die Dinge in gut oder schlecht einzuteilen und betrachten unsere aufkommenden Emotionen uns selbst oder anderen gegenüber mit bedingungslosen Wohlwollen – nehmen Schwächen, Fehler und Unzulänglichkeiten an.

Wir entwickeln Wohlwollen und Freundlichkeit uns selbst gegenüber.


Du kannst hierfür z. Bsp. folgende Sätze verwenden:

  • Ich nehme mich an mit meinen Fehlern und Schwächen.

  • Dass meine Handlungen unheilsame Wirkungen hervorrufen, konnte ich in diesem Moment nicht wissen.

  • Der Ärger in mir ist vergänglich und ich kann ihn loslassen.

  • Ich verzeihe mir, denn ich bin nur ein Mensch.

Wir entwickeln Wohlwollen und Freundlichkeit gegenüber dem anderen.

  • Ich nehme dich mit deinen Fehlern und Schwächen an.

  • Dass deine Handlungen unheilsame Wirkungen hervorrufen, konntest du in diesem Moment nicht wissen.

  • Der Ärger in dir ist vergänglich und auch du wirst ihn eines Tages loslassen können. Das Wünsche ich dir.

  • Ich verzeihe dir, denn du bist nur ein Mensch. Ich wünsche dir, dass deine Handlungen nicht andere fühlenden Lebewesen verletzen.

Unabhängig ob wir uns selbst oder einer anderen Person verzeihen möchten – sollten um unserer selbst willen – beginnen wir immer damit Wohlwollen und Freundlichkeit gegenüber uns selbst zu entwickeln. Denn wenn unser Gemütszustand sich gegen uns richtet, wird es uns nicht gelingen einer anderen Person zu verzeihen. Es ist daher wichtig uns selbst als fehlerhaften Mensch mit seinen Schwächen und Neigungen anzuerkennen.

Die Arbeit der Metta-Meditation mit neutralen Personen teilen

Wenn man auf diesem Weg sich selbst und der anderen Person schon verzeihen konnte, kann man diese Erfahrung auch mit anderen Personen teilen. Du visualisierst dabei eine Person die du nur flüchtig kennst, vielleicht vom Einkauf im Supermarkt oder einer Begegnung auf einer Veranstaltung und sendest ihr Freundlichkeit und Wohlwollen. Im buddhistischen Verständnis kannst du dies übrigens auch gegenüber anderen fühlenden Wesen, sei es der Hund des Nachbarn, die Katze die umherstreift, die Kuh auf der Weide usw. tun. Nach einiger Zeit werden dadurch immer weniger unheilsame Gefühle in deinem Herzen platz einnehmen und du entwickelst für andere und dich ein liebvolles Verständnis.

Bedeutet verzeihen nicht sich selbst belügen?

Die Metta-Meditation ist nicht dafür gedacht neue Gefühle hervorzurufen. In jedem Menschen sind Mitgefühl, Wohlwollen, Freundlichkeit und Liebe verankert. Wenn wir uns diese in der Meditation bewusst machen und die heilsamen Empfindungen stärken entwickeln wir ein besseres Verständnis für uns selbst und damit auch für andere. Bei regelmäßiger Praxis fällt es uns sehr leicht auf diese neugewonnene Ressource zuzugreifen und weniger heilsame Zustände wie Hass, Wut, Ekel, Zorn und Trauer* als belastende Emotionen all zu lange in unseren Rumpf eindringen zu lassen.

*Anmerkung: Wenn wir von „unheilsamen“ Gefühlen wie Hass, Wut, Egel, Zorn und Trauer sprechen, verurteilen wir diese Empfindungen nicht. Sie sind ebenso in uns verankert wie „heilsame“ Gefühle. Sie haben für eine Zeit eine wichtige Aufgabe für uns und sind nun mal auch menschlich. Tragen wie sie aber all zu lange in uns entwickeln sie sich zu einem Gift für uns selbst.


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"Alles was Du in Deinen Kopf hineinlässt - kannst nur Du wieder hinausschmeißen."

Markus Zhou - Schneider

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