"Wann bin ich endlich gemeint?"
- Markus Zhou-Schneider
- 12. Nov. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Nov. 2025

In unserer modernen Zeit sind wir Menschen mit zahllosen Herausforderungen beschäftigt. Der Alltag hat uns fest im Griff – Termine, Rollen, Erwartungen. Selten nehmen wir uns die Zeit, still zu werden und nach innen zu lauschen.
Doch manchmal taucht inmitten all dessen eine Frage auf: „Wann bin ich endlich gemeint?“
Diese Frage ist wie ein feiner Riss im gewohnten Rhythmus. Sie entsteht, wenn wir unsere Unzufriedenheit nicht länger verdrängen, betäuben oder zum Schweigen bringen können. Wenn das, was wir tun, nicht mehr trägt. Wenn das, was wir sind, sich nach etwas Echtem sehnt.
Die Falle der Selbstbetrachtung
Oft geraten wir dann in Grübeleien. Wir drehen uns im Kreis, werden kritisch, ungeduldig mit uns selbst. Eine Ich-bezogene Innenschau kann leicht in eine depressive Verstimmung führen, besonders wenn sie nicht von Mitgefühl begleitet ist. Wir beginnen, unser ganzes Dasein infrage zu stellen – statt nur den Bereich zu betrachten, in dem gerade Schmerz oder Unzufriedenheit spürbar ist.
Die kurzen Fluchten
Doch weil der Alltag uns so fest im Griff hat, greifen wir oft zu vertrauten Mitteln: Wir lenken uns ab, betäuben uns mit Alkohol, Social Media, Serien, Shopping oder Reisen – kleine Fluchten, die uns für einen Moment vergessen lassen. Aber das eigentliche Kernproblem bleibt. Diese Tätigkeiten verschaffen uns nur eine Pause – bis die Frage wiederkehrt: „Wann bin ich endlich gemeint?“
Welches Ich spricht da eigentlich?
Vielleicht hilft es, innezuhalten und zu fragen: Welches Ich ist gerade unzufrieden? Das Ich, das als Vater oder Mutter agiert? Das Ich am Arbeitsplatz? Das Ich mit seinen Wünschen, Träumen oder vielleicht auch mit seinen „verbotenen“ Fantasien?
Wir werfen all unsere Anteile oft in einen Topf – als wären sie ein einziger Mensch. Doch wir sind vielschichtiger. Manchmal leidet nur ein Teil in uns – während andere stabil, kraftvoll, zufrieden sind.
Wenn wir das erkennen, müssen wir uns nicht mehr als Ganzes in Frage stellen. Wir können unterscheiden: Welcher Teil in mir braucht jetzt Aufmerksamkeit? Das ist der Moment, in dem Selbstmitgefühl beginnt.
Selbstmitgefühl statt Selbstkritik
Anstatt den inneren Kritiker lauter werden zu lassen, können wir lernen, uns selbst zuzuhören – mit Neugier statt Urteil. So wie es in der Arbeit mit inneren Anteilen (IFS) oder in der buddhistischen Psychologie gelehrt wird: Wir bestehen aus vielen Stimmen, und jede dieser Stimmen hat eine gute Absicht – selbst jene, die uns scheinbar sabotieren.
Wenn wir ihnen mit Mitgefühl begegnen, entsteht Raum. Ein Raum, in dem Heilung möglich wird. Ein Raum, in dem wir plötzlich spüren: Ich bin gemeint.
Ein kleiner Impuls
Vielleicht magst du dir heute Abend eine stille Minute nehmen und dich fragen:
Welcher Anteil in mir ist gerade erschöpft?Und welcher Anteil weiß, dass ich schon längst gemeint bin – so, wie ich jetzt bin?
Daraus kann eine neue, sanfte Haltung entstehen. Nicht die eines Menschen, der sich verbessern will –sondern die eines Menschen, der beginnt, sich zu verstehen.

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